Ausgabe 24: Wie kommen wir an die Schildkröte ran?

Ich will Ihnen dieses Mal in aller gebotenen Kürze eine Geschichte aus der Hansezeit erzählen: Es lebte in Lübeck im 14. Jahrhundert ein Kaufmann namens Johann Wittenborg. Er war sehr einflussreich, war sogar Lübecker Ratsherr, vertrat Lübeck auf Hansetagen und mehrte stetig sein Vermögen. Seine Handelsverbindungen erstreckten sich fast über die gesamte hansische Welt. Er überlebte auch die damalige Pandemie, die Pest, die Ende der 1340er Jahre Lübeck erreichte. Nun hatten die Hanseaten so ihre Probleme mit dem dänischen König Waldemar. Er störte ihre Geschäfte. So kam es, dass sie gegen ihn 1361 zuerst Sanktionen verhängten und ihm dann den Krieg erklärten. Und Johann Wittenborg führte sozusagen als Generalissimus die Hanseflotte gegen den König Waldemar in den Krieg. Und verlor diesen. Zurück in Lübeck, wurde der ehemalige Ratsherr und sehr reiche Kaufmann ohne Prozess auf dem Ratsplatz hingerichtet. Vornehmlich weil er sich im Krieg ziemlich blöd angestellt hatte. Aber der wahre Grund war ein anderer: Seine Ratskollegen und Kaufleute hatten mitbekommen, dass der liebe Kaufmann Wittenborg es mit „Compliance“ bei seinen Geschäften nicht so eng nahm. Sie wollten nicht, dass es herauskommt. Das wäre für die Lübecker Kaufleute ein Höchstmaß an Peinlichkeit, ein absoluter Ansehensverlust, ja der Tod für ihre Geschäfte! Das war der Grund, warum sie niemanden zu ihm ins Gefängnis ließen und ihn ohne Prozess hinrichteten. Der Sachstand durfte ja nicht an die Öffentlichkeit …

Nun, wir leben heute im 21. Jahrhundert und gerade in diesem Jahr 2020 mangelt es uns nicht an Nachrichten, die im Zusammenhang mit Compliance stehen – besser gesagt mit ihrem Nichtvorhandensein in den Unternehmen und bei den Banken. Allerdings zeigt gerade auch der Fall Wirecard, dass es gar nicht auf einen Compliance Officer angekommen wäre. Die Troublemaker standen viel zu hoch in der Hierarchie. Welcher Compliance Officer darf schon den Herrschaften in den Vorstandsetagen wirklich auf die Finger schauen? Interessant wäre es, zu erfahren, wer überhaupt die Idee hatte, Dr. James H. Freis von der Deutschen Börse in den Vorstand der Wirecard zu holen? Er hätte ja ab Juli dieses Jahres bei Wirecard im Konzernvorstand das neugeschaffene Ressort „Integrity, Legal and Compliance“ verantwortet. Und vor allem: Wozu wollten sie ihn haben? Was hätte er denn ausrichten können? Wahrscheinlich hätte Dr. Freis dafür herhalten müssen, dass die Wirecards ja jetzt etwas tun! Jetzt hätten sie doch einen Vorstand für Compliance … Wenn er gewusst hätte, wie es wirklich in Sachen Wirecard stand … Als er mir Ende Mai 2020 eine Mail schrieb, war er noch voller Hoffnung, dass er das Ruder herumreißen könnte. Er tut mir aufrichtig leid – vor allem deswegen, weil Dr. Freis ein Compliance Officer ist, der wirklich an die Sache glaubt.

Die Geschichte Wirecard zeigt, dass sich ein einziges Instrument wirklich bewährt hat: Angefangen hat es ja 2018 in Singapur, als zwei Hausjuristen den Hinweisen eines Whistleblowers nachgegangen waren, im Asiengeschäft seien systematisch Luftbuchungen vorgenommen worden.

Wie Sie sehen, Compliance-Fehlverhalten gab es schon immer – auch unter den „ehrbaren Kaufleuten“. Sie haben nur das Fehlverhalten anders sanktioniert … Dennoch ist die Frage angebracht, ob wir Compliance Manager heute die Wirtschaftskriminalität wenigstens im gewissen Maße verhindern können? Deswegen wollen wir ja mittlerweile schon die Unternehmenskultur gestalten, um sie günstiger für die Compliance-Zwecke zu machen. Genau dieses Thema ist der Schwerpunkt dieses Heftes.

Und wenn Sie wissen wollen, wie die „Welt nach Wirecard“ aussehen wird – dann können Sie dazu die Bösenachtgeschichte am Ende des Heftes lesen

 ;)

Ihre
Irina Jäkel
Editor in Chief

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