Ausgabe 26: Umdenken

Nach über zehn Jahren bewusst propagierter Compliance in Deutschland haben sich in der Compliance-Gemeinde Tabus gebildet – man darf gewisse Dinge nicht anzweifeln. Warum nicht? Dann mache ich es: Mit Ethik, Verhaltenskodizes, Trainings und Kulturmaßnahmen alleine haben wir der Korruption und sonstigem „Fehlverhalten“ nicht viel entgegenzusetzen! Was ist denn unser tatsächlicher Impact im Unternehmen? Was ist unser Compliance-Footprint?

Ich bin kritisch Ihrer Arbeit gegenüber, liebe Compliance Manager, und zwar deswegen, weil ich auf Ihrer Seite stehe. Und ich denke, diese Zeitschrift hätte keinen Sinn, wenn ich Ihnen nach dem Mund reden bzw. schreiben würde; und Ihnen selbst würde es auch nichts bringen. Ich möchte, dass das Compliance Management in Deutschland sich weiterentwickelt, um sein Ziel wirkungsvoller zu erreichen. Und dass Compliance Manager sich von harmlosen „Beratern“ zu echten „Gestaltern“ wandeln, die im Unternehmen wirklich etwas bewirken, ohne es allerdings lahmzulegen.

„Das ökonomische Ziel eines jeden Mitarbeiters ist ein individuelles Ziel, für dessen Erreichung er Mittel einsetzen muss, die einerseits beschränkt sind und die andererseits auch für die Erreichung anderer Ziele eingesetzt werden könnten“, schreibt Peter Jost in seinem Buch „Organisation und Motivation: Eine ökonomisch-psychologische Einführung“. Warum kaue ich hier diese allseits bekannte Tatsache wieder? Was ist das Ziel von Compliance? Korruption und andere Tatbestände, die im Strafgesetzbuch stehen, einzudämmen. Von dieser Definition leitet sich gleichzeitig auch ab, wozu Sie in Ihrem Beruf da sind. Also: Sind Sie wirklich sicher, dass das, was Sie tun, zur Erreichung des Compliance-Ziels führt?

Vielleicht gehören Sie zu den selbstkritischen Compliance Managern und würden diese Frage mit „nicht ganz sicher“ oder so ähnlich beantworten. Es gibt ja auch keine gesicherte Erkenntnis, die auf Langzeitstudien beruht, dass der aktuelle Compliance-Maßnahmen-Katalog wirklich zur Erreichung des Compliance-Ziels führt. Und, um offen die Dinge anzusprechen, die Fremdbildstudien zum Thema Beurteilung der Arbeit der Compliance Manager suggerieren auch nichts Positives. Schauen Sie doch mal dazu alleine die Besprechung der aktuellen Fremdbildstudie des Berufsverbandes der Compliance Manager (BCM) an. Wenn also die Mittel zur Erreichung unseres Ziels beschränkt sind, warum planen wir sie dann nicht strategisch besser und sinnvoller ein? Das ist das Leitthema dieser Ausgabe. 

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Einsicht!

Ihre

Irina Jäkel

Editor in Chief

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